Café Froschnei

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Der Obstkuchen und seine Versenkung

Erdbeerkuchen, zwei Haende

In ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, verließ er früh das Elternhaus und stürzte sich in die Arbeit, die er liebte: als Handwerker auf dem Bau. Er absolvierte zwei Lehren und erarbeitete sich neben seiner anstrengenden Tätigkeit zwei Meistertitel. Mit viel Fleiß, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen schaffte er es bis zum gefragten Kalkulator. 


Seine Augen leuchteten, wenn er vom erfolgreichen Großprojekt in Saudi-Arabien erzählte oder davon, wie schier aus dem Nichts ein Hotelkomplex in die Höhe wuchs. Unvergessen ist eine der vielen Anekdoten, in der ein Scheich begeistert mit ihm auf englisch telefonierte, ohne dass er selbst je wirklich englisch gelernt hatte.

Herr Baugrau war das, was man einen feschen Mann nennt: Großgewachsen, schlank, wache, dunkle Augen. Seine dichten schwarzen Haare lagen in eleganten Wellen, als hätte er Unmengen an Zeit investiert, sie so hinzudrapieren. Doch nichts lag ihm ferner, als sich mehr als nötig um sein Äußeres zu kümmern. Unverzichtbar waren für ihn allerdings gepflegte Hände, denen man die harte Arbeit nicht ansah, und geputzte Schuhe ohne schief gelaufene Absätze. Dass er früh grau wurde, hing sicher mit den vielen Schicksalsschlägen zusammen, die er einstecken und verkraften hatte müssen. Doch seiner Ausstrahlung tat das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil.

Mit 50 Jahren konnte er endlich seinen großen Lebenstraum verwirklichen. Er kaufte gemeinsam mit seiner Frau ein Grundstück und baute ein Haus, sein Haus, genau nach seinen Vorstellungen. "Ein Baumensch, der selber kein Haus baut, ist keiner." pflegte er zu sagen und verbrachte unzählige Wochenenden auf der Baustelle. Neun Jahre sollte es dauern, bis er stolz mit seiner Familie einziehen konnte.

Auch wenn Stress und Zeitdruck noch so groß waren, ließ er sich eines nicht nehmen: Den Sonntagskaffee. Zwei Tassen Kaffee, nicht zu stark, mit einem Schluck Milch und etwas Zucker. Frau Baugrau backte dazu jeden Samstagabend einen Kuchen. Ihr Mann, der mit süßen Mahlzeiten überhaupt nicht zu haben war, liebte ihre Kuchen und genoss Sonntag für Sonntag ihre Kreationen. 

Zu ihrem Leidwesen (doch sehr zur Freude der Kinder) liebte er es auch, ihre Kuchen in Stücke zu teilen und in den Kaffee "zu brocken". Es nervte sie zu hören und zu sehen, wie er den aufgeweichten Kuchen aus der Tasse löffelte. Doch sie ließ ihn widerspruchslos gewähren. 

Hin und wieder war sie zu müde oder vergaß gar darauf, einen Kuchen zu backen. Dann erschrak sie sichtlich, wenn es ihr auffiel: "Jessas, ich hab ja noch gar keinen Kuchen zum Kaffee!" Wie gut, dass sie immer Obst aus dem eigenen Garten in der Tiefkühltruhe hatte. Wenn die Kraft oder Zeit für´s Backen nicht reichte, belegte sie einfach einen Tortenboden mit Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren oder Brombeeren, goß roten oder klaren Guss darüber, fertig. Dazu reichte sie süße Sahne.

Auch ein Stück dieses liebevoll belegten Kuchens beförderte Herr Baugrau routiniert in den Kaffeepott. Er versenkte nach und nach den Kuchenboden samt Obst, während Tortenguss und Sahne als Krönung fröhlich obenauf schwammen. Dann begann er mit sichtlicher Freude auszulöffeln, was er sich eingebrockt hatte. 

Das war dann doch wieder einmal des Guten zuviel. Frau Baugrau konnte und wollte sich eine Bemerkung nicht länger verkneifen und presste ein gequältes "Muss denn des sei!" zwischen ihren Lippen hervor.

Genüsslich über die Kaffeetasse gebeugt gab ihr der geliebte Gatte, wie in einem bestens einstudierten Theaterstück, wie immer die gleiche Antwort: 
"Andere saufen, rauchen und weibern. Sei froh, dass i bloß an Kuacha eibrock." 
"Da hast aa wieder recht." seufzte sie dann, um nach kurzer Pause leise zu fragen: "Mogst no a Stückl?"

Bild: © Blauregen - Fotolia.com


Frau Froschnei 16.02.2019, 09.30

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