Café Froschnei

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Die verdorrten Rosen

Farbenfrohe Herzen Herzblumen Grafik

"Also das ist ja wohl das Allerletzte!" schimpft Frau Liebspeis leise vor sich hin. "Was die sich wohl einbildet. Mir sagen zu müssen, was ich zu tun habe!" Ihre feinen Gesichtszüge sind angespannt, die Wangen rot vor Aufregung. "Sie kennen mich," sagt sie, zu mir gewandt, "ich bin Keine, die über andere herzieht. Aber das geht wirklich zu weit." 


Sie kommt meiner Einladung nach und setzt sich erst einmal auf ihren Lieblingsplatz am Fenster. "Das ist ja ein Deckerl von mir!" ruft sie im nächsten Moment und streicht liebevoll über die Häkelspitze, die das Deckchen unter der kleinen Vase umrandet. Doch es dauert nicht lange und ihr Ärger kehrt zurück. Missmutig verschränkt sie die Arme und zieht ihre blaue Strickjacke mit dem zarten Lochmuster energisch um sich. Einen kurzen Moment fürchte ich tatsächlich um die aufwändige Strickarbeit und bin erstaunt, wie ungewohnt aufgebracht Frau Liebspeis heute ist.

Meine Frage, ob sie wie immer einen Kaffee trinken möchte, verneint sie. "Später vielleicht, ich muss mich erst mal beruhigen." Aber einen Kuchen hätte sie gern. Zur Belohnung, weil sie der "Madame" vorhin keine unhöfliche Antwort gegeben habe. Ich bringe ihr das Gewünschte und lasse sie in Ruhe sitzen. Sie schaut aus dem Fenster, betrachtet immer wieder das Deckchen auf dem Tisch, die Vorhänge und das feine Muster ihrer wunderschönen, selbstgestrickten Angorajacke. Schließlich scheinen sich die Wogen etwas geglättet zu haben und sie schnauft hörbar tief ein und aus. "Jetzt hätte ich doch gern einen Kaffee, bitte!" 

Als ich ihr das Lieblingshaferl mit den Streublumen an den Tisch bringe, frage ich nach: "Sagen Sie, Frau Liebspeis, wer hat Ihnen denn vorhin so das Kraut ausg'schütt?" Sie zögert kurz, ob sie wirklich erzählen solle, was vorgefallen war.

"Ach, meine Nachbarin. Die von oben. Sie ist vorbeigekommen, um mir die Schlüssel zu bringen. Sie wissen ja, ich gieße schon seit Jahren die Blumen, wenn sie mit ihrem Mann in Urlaub ist und hole die Post raus. Das machen wir im Haus immer so, das funktioniert wunderbar. Die Hausgemeinschaft ist schon ganz was besonderes. Da hilft halt noch einer dem andern." Sie nickt versonnen.

Nach einer Weile fährt sie fort: "Aber was die da grad zu mir gesagt hat, das hätte sie sich auch sparen können." Mit zusammengekniffenen Lippen schüttelt sie den Kopf, als ob sie ihren Satz noch unterstreichen müsste. Ich bin mir nicht sicher, ob sie weiterreden will und schicke mich an zu gehen.

Doch sie hält mich am Ärmel zurück. "Wissen'S, wir, also mein Mann und ich, wir haben im Wohnzimmer eine große Vase stehen. Eine echte Porzellanvase. Die ist schon sehr alt und ich hüte sie wie meinen Augapfel. Ich weiß gar nimmer, wo wir die herhaben. Ich glaub ... Ist ja auch egal. Und in der Vase sind langstielige Rosen." Sie schweigt. "Das sieht bestimmt schön aus," antworte ich ihr und kann mir das Bild gut vorstellen.

"Ja, das tut's. Aber, das sind ja auch nicht irgendwelche Rosen. Die sind genau abgezählt und jede in einer anderen Farbe. Und es sind keine frischen Blumen. Also, als wir sie bekommen haben, schon. Aber ich habe sie eigenhändig kopfüber aufgehängt und getrocknet. Jede einzelne." - "Dann haben die bestimmt eine besondere Bedeutung für Sie." überlege ich laut.

Bevor sie darauf antworten kann, steigt ihr der Ärger wieder hoch und die Wangen röten sich erneut. Mit gepresster Stimme fährt sie fort:

"Wissen Sie, was die Tusnelda zu mir gesagt hat? Wie lange ich diese komischen Rosen wohl noch aufheben will. Die stünden ja jetzt schon ewig hier rum. Die seien doch total verdorrt und verstaubt und gehörten längst auf den Müll. Ob mir mein Mann nicht mal neue kaufen könnte. Außerdem hätte sie gedacht, ich hätte meinen Haushalt im Griff." Tränen wollen ihr in die Augen steigen, sie schluckt sie hinunter. "Was die sich einbildet. Die soll erst mal vor ihrer eigenen Haustür kehren. Ich hab mich so geärgert, dass mir wieder mal keine passende Antwort eingefallen ist." Sie putzt sich die Nase, verstaut das Taschentuch und genießt dann, ganz in Gedanken versunken, ihren Kaffee. Dabei zupft sie sorgfältig die Manschetten ihrer weißen Bluse ein kleines Stück unter den Jackenärmeln hervor, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden ist. 

Als wäre nichts gewesen, hebt sie schließlich den Kopf und sagt mit weicher Stimme: 

"Wissen'S, die Rosen sind nicht irgendwelche Blumen. Die sind ein ... Zeichen. Jedes Mal, wenn unser Sohn und unsere Schwiegertochter in den letzten Jahren zu uns auf Besuch kamen und eine langstielige Rose dabei hatten, wussten wir, dass wir uns auf ein neues Enkelkind freuen dürfen. ... So ist das. Deshalb stehen die Rosen da. Und die bleiben da auch stehen."

Sie strahlt mich voller Freude an und tupft sich lächelnd die Augenwinkel trocken.

Bild:  SG- design - Fotolia.com


Frau Froschnei 03.07.2019, 14.30

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