Café Froschnei

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Frau Rosa krümelt









"Bitte einen koffeinfreien Kaffee und einen Obstkuchen. Wissen Sie, sonst kann ich nicht schlafen, wenn ich um die Zeit noch einen normalen Kaffee trinke. Aber ohne geht es auch nicht. Der Mensch ist halt ein Gewohnheitstier." 

Wie sehr ich mich freue, dass Frau Rosa, die Blumen über alles liebt und Rosen züchtet, heute den Weg in´s Café gefunden hat.


"Wer mir nur immer in die Brillengläser tappt, das möchte ich mal wissen." redet sie vor sich hin, nimmt die Brille ab, kramt ein zartes Spitzentaschentuch hervor, und putzt sie umständlich. Immer wieder hebt sie die Brille hoch, schaut durch, haucht darauf, putzt wieder sorgfältig. Schließlich setzt sie sie auf und nimmt die Karte zur Hand. "Ach, ich habe ja schon bestellt!" ruft sie fröhlich und die vielen Fältchen um ihre wasserblauen Augen tanzen vor Vergnügen.
Sie schaut sich suchend um. "Heute ist gar niemand da, den ich kenne. Schade. Die Leute sind alle so beschäftigt. Oder krank." Versonnen fährt sie mit der Hand über die Tischplatte. Schiebt einen vermeintlichen Brösel zur Kante, auf die andere Hand darunter, schüttelt diese Richtung Boden. Wieder und wieder bewegt sie die Hand mit immer größer werdenden Bewegungen über den Tisch. Wenn sie sie aufsetzt, verbünden sich ihre Ringe zu einem leisen "klack".

"Das Leben ist ein Kampf. Ein ständiger und immerwährender Kampf." Sinnierend schaut sie aus dem Fenster und hält in ihrer Bewegung inne. "Doch wenn ich so zurückschaue, habe ich jeden Kampf gewonnen. Immer wieder. Wer kann das schon von sich behaupten? Nicht mal Cassius Clay." Sie freut sich über ihre Pointe und lacht verschmitzt.

"Im Gegensatz zu ihm habe ich mir jede einzelne meiner Falten selbst erkämpft, jede einzelne. Mit Weinen, und ganz oft mit Lachen. Deshalb würde ich mir nicht eine davon wegoperieren lassen. Das sind meine Trophäen, meine Pokale, auf die ich stolz sein kann."

"Ich muss aber auch sagen, ich war immer bestens ausgerüstet für meine Kämpfe, hatte alle Unterstützung. Auch, wenn ich manchmal dachte, es geht nicht mehr." Sie hebt den Blick zur Decke und dreht dann an den beiden goldenen Ringen, die sie an der rechten Hand übereinander gesteckt trägt.

"Es geht immer weiter, auch wenn es mal nicht so aussieht. Meine Mutter, die lange Jahre im Kloster war, sagte oft zu uns Kindern: 'Es gibt immer wos, wos an Himme obn hoit.' Das hat mich getröstet und ermutigt." Langsam trinkt sie ihren Kaffee und genießt den Kuchen in kleinen Bissen. Sie lässt sich Zeit. Ihre Hände fahren an der Tischkante entlang, hin und her, greifen zur Gabel, zur Tasse, hin und her.

Als das Geschirr abgeräumt ist, beseitigt sie wieder alle Brösel. Die von heute, die von gestern und ein bisschen schon die von morgen.

"Jetzt passt es," murmelt sie nach einer Weile und nickt zufrieden. "Ich würde alles genau so wieder machen. Mit allem, was ich heute weiß. Genau so wieder."

Dann stutzt sie, zieht die Brille von der Nase und ruft lachend, während sie mit der anderen Hand das Tüchlein hervornestelt: "Das darf doch nicht wahr sein!"

Bild: © Lightofchairat - Fotolia.com


Frau Froschnei 05.02.2019, 12.17

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